Ursachen für Kopf-Hals-Instabilitäten und weiterer relevanter Schädigungsmuster

Distorsions- oder Distraktionstrauma

Klassische Ursache ist das Distorsions- oder Distraktionstrauma. Jedes größere Trauma kann bei ungünstigem Kraftvektor zu Rupturen von Gelenkkapseln und/oder Ligamenten im Bereich der Halswirbelsäule und des kraniozervikalen Übergangs kommen.

Häufig ist es der Heckaufprall-Unfall, aber auch Sportverletzungen, insb. beim Trampolinspringen, Kunstturnen, Stürze vom Pferd, Arbeitsunfälle, Stürze in Haushalt und Beruf, udg. können zu folgereichen diskoligamentären oder kapsulären Verletzungen führen.

Anatomische Adaption an Mißbildungen wie Skoliose, etc.

Es wurde in der Wissenschaft auch von Rupturen der Alarligamente in direkter kausaler Folge von Thorakalskoliose beschrieben. In beschriebenem Fall versuchte der Körper die Torsion zu kompensieren in dem Maß, daß ein Alarligament zerstört wurde.

Paradoxe Spontanrupturen

Es wird auch von “paradoxen” Spontanrupturen berichtet, als Folge schwerwiegender Infektionskrankheiten oder deren Behandlung.

Dabei wird noch genauer zu eruieren sein, inwieweit die Gabe von Gyrasehemmern (z.B. Ciprofloxacin) irreversible Schädigungen innerhalb ligamentärer Strukturen verursacht. Von Gyrasehemmern ist bekannt, daß es, auch nach kurzzeitiger Einnahme, zur Spontanruptur selbst großer Sehnen kommen kann. Erklärt wird das mit einer erhöhten Expression von Matrixmetalloproteinasen, die die Festigkeit der Sehnen vermindern.

Diskutiert wird auch die Verursachung geburtlicher Distraktions-Traumata durch Saugglockengeburten.

Einrenkmanöver

Eine weitere Ursache stellen chiropraktische Einrenkmanöver dar, insb. bei ungeübten Chiropraktikern. Insbesondere bei inadäquatem Kraftvektor oder bei bereits bestehender geringgradiger Instabilität oder bei Vorliegen einer Bindegewebsschwäche kann eine irreversible Schädigung der Halswirbelsäule verursacht werden.

Vom Patienten eingeleitete Einrenkversuche

Schließlich sehe ich immer wieder Patienten die selbstständig Einrenkmanöver durchführen. Bei dieser Patientengruppe scheint in der Regel bereits eine Instabilität vorzuliegen und diese geringradigen Blockierungen werden dann zum Anlaß genommen, mit großer radialer Krafteinwirkung eine Deblockierung zu versuchen.

Dabei wird wohl regelmäßig auch ligamentärer und/oder kapsulärer Schaden angerichtet.

Ein Beispielfall

 Ein Patient schilderte mir, er habe sich selbst eingerenkt, nachdem er gerade von einem Chiropraktiver heimkam und die Blockierung bereits wieder vorgelegen habe. Er habe mit der Hand über den Kopf gegriffen, den Kopf dabei gedreht und ihn zur Seite gezogen, bis er einen Riss gehört habe. Daraufhin ging es ihm gut.
Doch mitten in der Nacht wurde er von seinem “Unterbewußtsein” geweckt und sein automatischer Atemreiz schien nicht mehr zu funktionieren, er sei stundenlang blind geliegen und habe nur durch bewußtes Ein- und Ausatmen sich am Leben erhalten können.
Die kommenden Tage waren für ihn wie “als wäre er schon tot“ und er fühlte sich in einem “Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachheit”.

In den kommenden Monaten wurde er regelmäßig von Sanitätern in notfallmäßig in Kliniken gebracht, man konnte aber nichts pathologisches entdecken außer diskrete Glianarben im Zwischenhirn.

Später wurde ein Glukose-Utilisations-PET gemacht und dabei wurde ein massiver Minderstoffwechsel – weit unter das Niveau eines Gesunden im Bereich des Mittelhirns, Zwischenhirns, der Area striata und des gesamten Cerebellums festgestellt. Der Arzt vermutete vorausgegangene hypoxische Zustände aufgrund von “Veränderungen im Bereich der Vertebralarterien”.
Die Beschwerden blieben aber unvermittelt schlimm, der Patient konnte nur noch schwer auf seine Umwelt reagieren, jedoch blieben MRT und MR-A der HWS ebenso stumm wie wiederholte Farbduplex-Sonographien der Halswirbelsäule.

Der Patient sprach stets er habe ein Brennen im Hinterkopf und das sei für ihn das Gefühl das Zellen im Gehirn abstürben.

Er konsultierte mehrere Neurochirurgen und es wurden zahlreiche weitere CT- und MRT-Untersuchungen der Halswirbelsäule gemacht. Der Patient ließ sich schlussendlich in die Psychiatrische Universitätsklinik einweisen und blieb vier Monate stationär. Er wurde mit Fluoxetin behandelt und das schien etwas Wirkung zu zeigen. Aber er wußte, es lag etwas bedrohliches in seinem Zustand und er ging weiter auf Konsultationsreisen.

In verschiedene Universitätskliniken, in die Fachbereiche Neurologie, Innere Medizin, Kardiologie, doch sämtliche Untersuchungen waren ohne Befund.

Es verstrich eine lange Zeit, bis schließlich ein Arzt Atlasfunktionsaufnahmen anfertigte und zum Schluß kam, daß beide Ligamenta alaria komplett ruptiert sein müßten, und er vermutete, die Gelenkkapseln C0/C1/C2 sämtlich ebenso.

Daraufhin bekam er eine dorsale Fusionsoperation C0 bis C4 mit transartikulärer Magerlverschraubung und seine Beschwerden waren unmittelbar verschwunden.

Er litt weiter noch an Konzentrationsstörungen, aber fortan hatte keinerlei Schmerzen mehr, keine brennende Okzipitalneuralgien mehr, keine Kreislaufkrisen, keine Blutdruckabfälle mehr und kaum mehr Schwindel.

Die Benommenheit bedurfte mehrere Jahre, bis sie wieder langsam Abklang. Ich erkläre mir dies mit großer hypoxischer Schädigung, bei der selbst ein plastisches Gehirn lange Zeit benötigte, um Schaden zu reparieren, zwar mit Defektheilung, doch der Patient lebt heute gut.

 

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OP 2019: Zwischenüberschriften und Formatierungen eingefügt für bessere Lesbarkeit.

Olaf Posdzech, 2019

 

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